Samstag, 3. Februar 2024

Nein zu Investoren in der DFL

 


Möglicher Einstieg von CVC oder Blackstone in die DFL: Werden wir nun auch Teil des Sportswashings eines Wüstenstaats?

Der Begriff „Sportswashing“ hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Thema entwickelt. Er beschreibt, wie Staaten oder Unternehmen den Sport nutzen, um von Problemen wie Menschenrechtsverletzungen abzulenken. Ein prägnantes Beispiel ist die umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft in Katar, bei der die Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzungen international kritisiert wurden. 
Aktuell bahnt sich auch in Deutschland eine Investition mit dem Hintergrund des Sportswashing an: ein möglicher Einstieg von CVC oder Blackstone in die Deutsche Fußball Liga (DFL). 

Doch wer steckt überhaupt hinter diesen Unternehmen? 

CVC Capital Partners (CVC) ist ein Finanzunternehmen mit Hauptsitz in Luxemburg. Das Unternehmen gehört zu den zehn größten Private-Equity-Unternehmen weltweit und ist unter anderem an Unternehmen wie Breitling, Tipico, Douglas und vielen weiteren beteiligt. 
Die Blackstone-Group Inc. ist eine börsennotierte US-amerikanische Investmentgesellschaft mit Hauptsitz in New York City. Die Firma ist einer der weltgrößten Investoren im Bereich Alternative Investments. 
Woher diese beiden Investmentgruppen ihr Geld haben, ist nicht im Detail nachzuvollziehen. Zu den Finanziers gehören Privatpersonen ebenso wie institutionelle Anleger. Unter anderem gehört bei CVC als auch bei Blackstone der saudi-arabische Staatsfonds PIF zu den Geldquellen.

Dieses pikante Detail lässt in die Strategie und die Hintergründe des Einstiegs in die DFL blicken: der Wüstenstaat versucht auf diese Weise ein positives Bild in der westlichen Welt zu erzeugen. Doch die Liste an zu vertuschenden Zuständen in Saudi Arabien ist lang: 
So gibt es im Wüstenstaat beispielsweise noch immer Hinrichtungen, etwa für Drogendelikte oder Raubüberfalle. 
Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sind es teils aber noch mildere Vergehen, die in Saudi-Arabien zum Tod führen können. 2022 wurde eine Vielzahl von Leuten hingerichtet aufgrund von „Störung des sozialen Gefüges und des nationalen Zusammenhalts" und "Teilnahme an und Anstiftung zu Sitzstreiks und Protesten“. Die Hinrichtungsrate zählt zu den höchsten weltweit. Die Menschenrechtsorganisation Reprieve recherchierte für das Jahr 2023 die Zahl von mindestens 172 Menschen, die hingerichtet wurden. Unter der Führung von Kronprinz bin Salman und seinem Vater König Salman ibn Abd al-Aziz hätte es "die sieben blutigsten Jahre in der modernen Geschichte des Königreichs" gegeben, schrieb Reprieve.

Auch das Justizsystem ist mit dem europäischen System nicht zu vergleichen: Saudischen Staatsangehörigen wurden in der Vergangenheit bereits Haftstrafen von 15 bis zu 45 Jahren auferlegt, wenn sie etwa in den sozialen Medien unliebsam-kritische Äußerungen tätigten. Zu den Freiheitsstrafen kommen Reiseverbote oder auch Sperrung der Konten – ein Maulkorb für alle Kritiker, Aktivisten und friedlichen Verteidiger der Meinungsfreiheit. 
Schlecht bestellt ist es ebenso um die Migranten des Landes. Da für sie ein anderes Arbeitsrecht gilt, sind sie häufig Opfer von verbalen und tätlichen Angriffen oder müssen damit rechnen, dass ihre Pässe einbehalten werden, ebenso wie ihr Lohn. Frauen sind gesetzlich verpflichtet, ihrem Ehemann zu gehorchen, darüber hinaus benötigen sie die Erlaubnis ihres männlichen Vormundes, um zu heiraten. Homosexuelle werden live im Fernsehen des Terrorismus bezichtigt, weil sie sich schlechter als Tiere verhielten. Nach offizieller Scharia-Regel können bei gleichgeschlechtlicher Liebe auch Stockhiebe, Gefängnis oder auch die Todesstrafe verhängt werden. Die Liste weiterer Benachteiligter im Land könnte noch lange fortgesetzt werden. 

Zensur ist in Saudi-Arabien alltäglich, unabhängige Medien sind nicht erlaubt. Repressive Straf-, Anti-Terror- und Internetgesetze ermöglichen lange Haftstrafen, Veröffentlichungs- und Reiseverbote für kritische Journalist*innen. Aller Reformrhetorik zum Trotz wurde seit der Ernennung von Kronprinz Mohammed bin Salman 2017 die Repression noch verstärkt. Viele Medienschaffende sind willkürlich inhaftiert, die meisten werden wohl gefoltert. Die Ermordung des Exil-Journalisten Jamal Khashoggi in der Türkei 2018 hat gezeigt, dass Kritiker selbst im Ausland nicht sicher sind.

Der Einstieg in die DFL – ein weiteres Puzzleteil im großen Ganzen?

Saudi-Arabiens sportliche Ambitionen gehen weit über die bloße „Leidenschaft“ für den Sport hinaus. Die Investitionen im Sportsektor sind vielschichtig und strategisch bedeutsam, um oben genannten Missstände zu überdecken. Die Übernahme von Fußballclubs, das Sponsoring großer Sportveranstaltungen und die Ausrichtung internationaler Wettbewerbe sind Teil eines umfassenden Plans, um das internationale Bild des Landes zu verbessern. 

Saudi Arabien hat längst verstanden, welche Rolle gerade der Fußball in der westlichen Welt spielt und ihn auf Grund seiner Strahlkraft zu Teilen der politischen und sozialen Strategien gemacht. Aus diesem Grund wird viel Geld in den Fußball investiert: Der staatliche „Public Investment Fond“ wird auf ein Gesamtvolumen von 700 Milliarden Dollar geschätzt. Mit diesem Geld wird unter anderem die landeseigene Fußball-Liga „Saudi Professional League“ subventioniert. Allein die Transferausgaben lagen dort im vergangenen Jahr bei fast einer Milliarde Dollar – mit verschwindend geringen Einnahmen.
Diese Subvention muss passieren, denn die Liga und damit die saudische Begeisterung für den Fußball selbst, steckt noch in den Kinderschuhen. Die Spiele des Erstligisten Al-Riyad FC besuchen im Durschnitt gerade einmal 1.400 Zuschauer. Auch bei Al-Wehda FC sind es nur 3.000 – bei einer Stadionkapazität von 38.000 Zuschauern. 
Zur Außendarstellung müssen daher vereinzelte Top-Spiele herhalten, mit Choreografien, die von europäischen Fanszenen kopiert werden. Das Vorbild ist der hiesige Kontinent, nur samt angepasstem Publikum, das allein der Außendarstellung dient. Fußball ist hier nicht Volkssport, sondern nur ein weiterer Unterhaltungsfaktor im Wüstenstaat.

Was das für die Fußball-Weltmeisterschaft 2034 bedeuten könnte, die durch Saudi-Arabien ausgerichtet wird, hat man bereits in Katar beobachten können. Ein Ende des sommerlichen Fußball-Feelings an der Glühweinbude statt beim Public Viewing, schlechte Bedingungen für Arbeiter, gekaufte Zuschauer und leere Stadion.

Doch nicht nur im eigenen Land wird viel Geld in den Fußball und dem damit verbundenen Sportswashing investiert. Auch europäische Länder und ihr Fußball sind bereits Ziele der Saudis geworden und tragen nun die Auswirkungen dieser Investments:
Der spanische Supercup (Supercopa de España) wird seit 2019 in Saudi-Arabien ausgetragen. Die Einnahmen für den spanischen Verband RFEF sind beträchtlich: 120 Millionen Euro soll der erste Vertrag bis 2022 gebracht haben, 240 Millionen Euro soll es nun für die weiteren Spiele bis 2029 geben. Dazu sind die saudi-arabischen Unternehmen Neom und Red Sea Global Sponsoren des Wettbewerbs. 
Riyadh Air, eine ab 2025 operierende saudi-arabische Fluggesellschaft mit derzeit null Flugzeugen, ist Trikotsponsor von Atletico Madrid. Die Saudi Investment Bank (SAIB) ist ein Sponsor von Real Madrid und die staatliche Tourismusbehörde Visit Saudi darf sich nun "offizieller Reisepartner" von La Liga nennen.
Außerdem ist CVC mit 2,7 Milliarden Euro bei La Liga eingestiegen. CVC gilt aktuell als favorisierter Kandidat im Einstieg in der DFL. Haben wir also bald eine DFB-Pokal Endrunde im Wüstenstaat? – Wer weiß.. 

Auch der franözische Fußball blieb nicht verschont und kämpft aktuell mit den Folgen des Deals mit CVC. Das Investment von CVC in die französische Ligue de Football Professionnel (LFP) ist ein Paradebeispiel für die wachsende Kommerzialisierung im Profifußball, die langfristig zu strukturellen Ungleichgewichten und finanziellen Abhängigkeiten führen kann. Während die unmittelbare Finanzspritze von 1,5 Milliarden Euro eine kurzfristige Lösung, für die durch die Pandemie und das Scheitern des Mediapro-Vertrags entstandenen finanziellen Schwierigkeiten darstellte, birgt sie zugleich erhebliche Risiken.
Die Vereinbarung, wonach CVC dauerhaft 13% der Erlöse aus der Vermarktung der Liga erhält, legt eine finanzielle Last auf die Klubs, die besonders in Zeiten stagnierender oder rückläufiger Einnahmen drückend werden kann. Die aktuellen Schwierigkeiten bei der Neuvergabe der Medienrechte ab der Saison 2024/25 verdeutlichen, wie prekär diese Abhängigkeit ist. Die LFP steht unter Druck, ihre Einnahmen zu steigern, um sowohl die Bedürfnisse der Klubs als auch die Verpflichtungen gegenüber CVC zu erfüllen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die ungleiche Verteilung der von CVC bereitgestellten Mittel, die größere, finanzstärkere Klubs wie PSG begünstigt, während kleinere Klubs und Aufsteiger nur einen Bruchteil erhalten. Diese Praxis verschärft die ohnehin bestehende Kluft zwischen den Top-Klubs und dem Rest der Liga und gefährdet den sportlichen Wettbewerb.
Die Kritik von Christophe Bouchet, dem ehemaligen Präsidenten von Olympique Marseille, beleuchtet zudem die langfristigen Auswirkungen des Deals. Die Klubs haben sich dauerhaft an die Zahlung von 13% ihrer Erlöse gebunden, was ihre finanzielle Flexibilität einschränkt und sie in eine Situation bringt, in der sie "ein Leben lang" zahlen müssen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Investment von CVC zwar eine sofortige finanzielle Erleichterung für die französische LFP gebracht hat, aber gleichzeitig Bedenken hinsichtlich der langfristigen finanziellen Nachhaltigkeit, der Fairness im Wettbewerb und der Autonomie der Klubs aufwirft.

Der Einstieg von CVC in die französische Liga wird aktuell durch die Nationale Finanzstaatsanwaltschaft (PNF) untersucht. Ausgangspunkt ist eine Beschwerde der Antikorruptions-Vereinigung.

Nicht nur europäische Fußballligen sind von großem Interesse geprägt, auch die Topstars aus Europa werden mit schwindelerregenden Summen in den Wüstenstaat gelockt.
Hochkarätige Transfers wie Karim Benzema oder Christiano Ronaldo dienen nicht nur der sportlichen Entwicklung in der saudischen Liga, sondern sind ebenso als vielversprechende Botschafter mit Millionenreichweite im Einsatz. Social Media-Bilder etwa mit dem saudischen Prinzen Mohammed Bin Salam scheinen in den knapp 200 Millionen Dollar Jahresgehalt inbegriffen zu sein.
Das Netzwerk der Saudi-Influencer funktioniert jedoch nicht nur mit Superstars in der inländischen Liga: Auf der Gehaltsliste stehen auch Spieler, die in ausländischen Ligen kicken wie etwa Lionel Messi, der sich zwar nicht für einen Wechsel in die dortige Liga entschied, in Instagram-Beiträgen aber trotzdem mit „VisitSaudi“ wirbt. Umso reichweitenstärker die Sportler, desto größer ist auch der Imagegewinn des Staates. 

Investitionen aus dem staatlichen Investmentfonds fließen nicht nur in den Fußball. 
Um ein möglichst breites Portfolio aufzubauen, sind auch zahlreiche andere Sportarten im Visier des saudischen Staates. Mit der Liv-Tour wurde sogar eigens eine Golf-Serie ins Leben berufen, die in unmittelbarer Konkurrenz zum amerikanischen Golf-Tour steht und mittlerweile namenhafte Sportler an sich gebunden hat. Topstars sind mittlerweile fester Bestandteil der Liga und erhalten, ähnlich wie im Fußball, Summen von bis zu 200 Millionen Dollar für ihre Teilnahme. 

Auch im Kampfsport versucht Saudi-Arabien Fuß zu fassen. Seit einem Jahrzehnt ist auch die Wrestling-Organisation WWE eng mit den Saudis verbandelt. Megaevents und Showkämpfe werden daher ebenso wie die Fußballspiele ins Land geholt wie Fußballspiele. Auch in die amerikanische MMA-Organisation PFL flossen bereits 100 Millionen Dollar an Staatsgeldern. Heute stellt sie bereits ein Drittel der 25 besten Kämpfer. 

Fazit:

Diese Investitionen sind nicht nur finanzieller Natur, sondern auch symbolisch bedeutend. Sie dienen dazu, das internationale Image von Saudi-Arabien aufzubessern. Die saudischen Investoren legen ihren Fokus daher nicht primär auf sportlichen Erfolg, sondern auf Macht und Einfluss. Die Ziel der Öffnung ist für sie klar und offensichtlich: Sie wollen Anerkennung auf dem Weltmarkt an, als wichtiger Handelspartner wahrgenommen werden, lukrative Rohstoffdeals abzuschließen und Touristen anzuziehen – nicht zuletzt als neues Mitglied der BRICS. Nicht zuletzt dienen die Investments auch dazu, das staatliche Projekt Saudi Visions 2030 voranzutreiben, das einen massiven Ausbau der Tourismusbranche vorsieht und bis zum Ende des Jahrzehnts Millionen neue Besucher ins Land locken soll. Diese schleichende Anbiederung geht jedoch ohne eine Liberalisierung des Werte- oder Justizsystems vonstatten. Mit der Vorstellung eines Fußballs, der durch seine Fans getragen wird, in dem jeder einzelne Stadionbesucher gleichwertig erscheint, ist das nicht vereinbar.

Quellen:
faz, wdr, zdf, amnesty international, deutschlandfunk, sportschau


DFL-Investoren? Worum geht es überhaupt?

Die mögliche Beteiligung eines Investors an einer Tochterfirma der DFL – der sogenannten „MediaCo.“ – beschäftigt Fußballfans in ganz Deutschland seit nunmehr fast einem Jahr. Konnte im Mai 2023 noch ein solcher Einstieg verhindert werden, haben die 36 Vereine der ersten beiden Bundesliga auf der Mitgliederversammlung der DFL am 11.12.2023 den Weg für Verhandlungen mit potenziellen Investoren doch frei gemacht. Wir, ein überregionaler Zusammenschluss vieler Fanszenen in Deutschland, halten ein solches Engagement weiterhin für falsch und wollen diese Homepage dazu nutzen, eine breite Öffentlichkeit mit Informationen rund um dieses Thema zu versorgen.

Die DFL arbeitet seit geraumer Zeit daran, einen Investor an ihren Vermarktungsgeschäften zu beteiligen. Das ursprüngliche Vorhaben sah vor, einen Investor mit 12,5 % an einer Tochterfirma der DFL und deren Erlösen zu beteiligen. Im Gegenzug erhoffte sich die DFL einen Betrag von bis zu zwei Milliarden Euro, der in die digitale Infrastruktur der DFL und deren Internationalisierung (40 %) investiert werden sowie zu einem erheblichen Teil den Mitgliedern der DFL (60 %) direkt zufließen sollte. Bei einer ersten Abstimmung im Mai 2023 verfehlte dieses Vorhaben die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit, sodass der drohende Einstieg eines Investors zu diesem Zeitpunkt noch abgewehrt werden konnte.

Der „zweite Anlauf“, der ab Ende Oktober 2023 so richtig an Fahrt aufgenommen hat, sieht weiterhin die Gründung einer Tochterfirma durch die DFL vor, die die audiovisuellen Medienrechte der DFL vermarkten soll. Eine Beteiligung des Investors soll jetzt bei sechs bis neun Prozent liegen, wodurch der Investor im Gegenzug in eben dieser Höhe an Erlösen der Tochterfirma beteiligt werden soll. Der MediaCo. soll hingegen eine einmalige Summe in Höhe von bis zu einer Milliarde Euro zufließen. Anders als beim „ersten Versuch“ soll der durch den Investor eingebrachte Betrag von bis zu einer Milliarde Euro nun zu etwa 60 % in gemeinsame Projekte der Digitalisierung, zu 10 % in die Förderung der Auslandsvermarktung und zu den verbleibenden 30 % in einen Topf fließen, aus dem die nach Abschluss des Geschäfts fälligen Zahlungen an den Investor fünf Jahre lang ausgeglichen werden können. Das gesamte Vorhaben fußt dabei einzig und allein auf der Annahme, dass mit diesen Investitionen sowie dem vermeintlichen Know-how des Investors signifikant höhere Mehreinnahmen generiert werden können, die die fälligen Zahlungen an den Investor abdecken und darüber hinaus noch die Kassen der Klubs klingeln lassen sollen.

Wie bereits beim „ersten Anlauf“ herrscht jedoch Unklarheit darüber, ob und inwieweit der Investor Einflussmöglichkeiten in den Gremien der MediaCo. erhält. Der Ligaverband wird zwar nicht müde zu betonen, dass sich an der Entscheidungshoheit über Anstoßzeiten oder Austragungsorte nichts ändern werde, lässt aber weiterhin offen, ob der mögliche Investor ein Mitglied in der Geschäftsführung der Tochtergesellschaft stellen wird oder in welchem Umfang Vetorechte in den Gremien der Gesellschaft eingeräumt werden. In beiden Fällen bekäme der Investor Instrumente an die Hand, um Druck auf die DFL auszuüben und seine Interessen im Sinne einer besseren Vermarktung – und der damit für ihn verbundenen Gewinnsteigerung – durchzusetzen.

Die DFL erklärt selbst, dass die dem Investor eingeräumten Rechte dazu dienen sollen, Maßnahmen zur weiteren Vermarktung anzustoßen. Bei einer vom Businessplan negativ abweichenden Entwicklung des Vermarktungsgeschäfts, die die oben dargestellte Grundannahme wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen lassen würde, wäre es ohnehin im Interesse der Mitgliedervereine der DFL, weitere – auch extrem unpopuläre – Maßnahmen zu Vermarktungszwecken zu ergreifen. Die Verlegung von Spielen ins Ausland, eine weitere Aufsplittung der Spieltage oder die Einführung von Playoffs wären dann womöglich probate Mittel, um am Ende nicht mit Verlusten dazustehen.

Andere Länder, gleiche Investoren?

Neben den Möglichkeiten, in den Gremien Einfluss zu nehmen und einschneidende Maßnahmen zur weiteren Vermarktung anzustoßen, stehen insbesondere die als Investoren in Rede stehenden Gesellschaften als solche in der Kritik. Medienberichten zufolge befindet sich die DFL mit den Firmen „CVC“, „EQT“ und „Blackstone“ in Verhandlungen, wobei die Firma CVC die Pole-Position innehaben soll.

Bei allen drei Firmen handelt es sich um sog. Private-Equity-Firmen. Eine Private-Equity-Gesellschaft ist ein Unternehmen (= Beteiligungsgesellschaft), das außerbörslichen Unternehmen Eigenkapital oder eigenkapitalähnliche Finanzierungsmittel zur Verfügung stellt. Ziel ist es, im Gegenzug eine angemessene finanzielle Rendite zu erzielen. In den letzten Jahren ist hierbei auch der Profisport zusehends zu einem beliebten Investitionsobjekten solcher Firmen geworden.

Das französische Pendant der DFL, die Ligue de Football Professionel (LFP), ging im Jahr 2022 einen ähnlichen Deal mit der Investorenfirma CVC ein und veräußerte 13 Prozent der Anteile einer neu gegründeten Tochtergesellschaft, die die Liga seitdem insbesondere bei den TV-Rechten vermarktet. CVC stellte der LFP im Gegenzug 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung und ist dafür dauerhaft mit 13 Prozent an den Vermarktungserlösen beteiligt.

Die genaue Betrachtung dieses französischen Deals zeigt: Das Geschäft mit dem Investor bleibt eine Wette auf die Zukunft. Dort ist der Plan des Ligaverbandes – die Medienerlöse durch die Beteiligung des Investors signifikant zu steigern – nicht aufgegangen: Jetzt liegt es an den finanziell ähnlich schwer gebeutelten Vereinen, die versprochenen, weil einkalkulierten Erlöse an den Investor zu leisten. Auch wenn die DFL beabsichtigt, ausfallende Erlöse zunächst durch einen Topf auszugleichen, kann es nach dem Ende des fünfjährigen Ausgleichszeitraums hierzulande zu einem vergleichbaren Szenario kommen. Ein zu diesem Zeitpunkt weiterhin bestehender oder gar noch größerer Finanzierungsbedarf müsste dann durch eine Binnen- oder Fremdfinanzierung aufgebracht werden, was die DFL zum jetzigen Zeitpunkt ablehnt.

Auch in Spanien hat der Ligaverband „La Liga“ einen Deal mit CVC geschlossen. Für einen Betrag von 2 Milliarden Euro erhielt CVC 8,2 % der Anteile an den Fernseh- und Sponsoreneinnahmen des Ligaverbandes für die nächsten 50 Jahre. Diverse Interessenkonflikte, etwa die Beteiligung von CVC am Wettanbieter „Tipico“ und dem Engagement von Konkurrenzunternehmen, die bei vielen Bundesligisten als Sponsoren tätig sind, scheinen vorprogrammiert zu sein.

Darüber hinaus stellt der saudi-arabische Staatsfonds PIF, seit den 1970er-Jahren der wichtigste Investitionszweig des saudischen Königsreichs, einen der Finanziers von CVC dar. Wie dies mit den „Sustainability Guidelines“, die Teil des Lizensierungsprozesses sind, den selbstauferlegten „roten Linien“ sowie dem „Code of Conduct“ einzelner Mitgliedsvereine in Einklang zu bringen ist, wird man im Nachgang wohl nur schwerlich erklären oder gar der Öffentlichkeit verkaufen können.


CVC, Blacktone & EQT: Drei kurze Steckbriefe

CVC Capital Partners (CVC): Finanzunternehmen aus Luxemburg

  • wichtige Beteiligungen: Breitling, Evonik Industries, Parfümerie Douglas, Beiersdorf, Henkel, Bayer, Rheinmetall, Tipico
  • Handelnde Personen standen mehrfach wegen ihres aggressiven geschäftlichen Auftretens in der Kritik

Blackstone: Beteiligungsgesellschaft aus New York City, 

  • wichtige Beteiligungen: Cineworld, Deutsche Telekom, Allianz, Jack Wolfskin 
  • Das Unternehmen stand insbesondere in den USA wegen der Unterstützung des Wahlkampfes von Donald Trump und systematischer Kinderarbeit in der Kritik. 

EQT: Beteiligungsgesellschaft aus Stockholm

  • wichtige Beteiligungen: Deutsche Glasfaser, kfzteile24, Schufa (Minderheitseigner)

Was ist die „50+1-Regel“ wirklich noch wert? 

Neben der grundsätzlichen Kritik an dem Vorhaben und den kolpoltierten Geldgebern lässt insbesondere das Prozedere rund um die Abstimmung viele Fragen – und bei den Befürwortern der 50+1-Regel außerdem noch einige Sorgenfalten – zurück.

Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dies: Die Muttervereine müssen die Kontrolle über diejenigen Gesellschaften verfügen, in die sie überwiegend ihre Profifußballabteilungen ausgegliedert haben.

Im Nachgang an die Abstimmung am 11.12.2023, die die DFL geheim hat durchführen lassen, wurde spekuliert, dass Martin Kind (Geschäftsführer von Hannover 96) entgegen einer Weisung des Stammvereins für die Aufnahme von Verhandlungen mit den Investoren gestimmt und damit gegen die 50+1-Regel verstoßen haben könnte. Die DFL hatte vorab Kenntnis von der Weisung des Stammvereins mit entsprechendem Verweis auf die 50+1-Regel. Dennoch hat die DFL proaktiv das Weisungsrecht durch die von sich aus als geheim angesetzte Abstimmung eingeschränkt, obwohl sie ein uneingeschränktes Weisungsrecht selbst als ein Kernelement der 50+1-Regel ansieht. Dafür hätte sie allerdings sicherstellen müssen, dass das Abstimmungsverhalten von Hannover 96 entsprechend der Weisung umgesetzt und gewertet wird. Besonders brisant: Es könnte sich hierbei um die eine Stimme gehandelt haben, die schlussendlich das Zünglein an der Waage war und zur Aufnahme von Verhandlungen mit den Investoren ausreichte.

Die genaue rechtliche Bewertung, werden Juristen unter sich ausmachen oder möglicherweise sogar Gerichte entscheiden müssen. Fest steht aber, dass die 50+1-Regel – eines der wichtigsten Aushängeschilder des deutschen Fußballs und die letzte Bastion für echte Mitbestimmung durch die Mitglieder der Stammvereine – ganz erheblich durch die Art und Weise der Abstimmung in Mitleidenschaft gezogen wurde. Jetzt zeigt sich, wie ernst es die DFL und ihre Mitglieder, die vor Kurzem noch mit großer Mehrheit für ihren Erhalt votiert haben, mit der 50+1-Regel und der damit verbundenen Mitbestimmungsmöglichkeit durch die Mitglieder der Stammvereine meinen. Eine Abstimmung, die auf einem Regelbruch basiert, kann nicht als legitim betrachtet und muss wiederholt werden.


50+1-Regel: Kapitalanlegern ist es nach dieser Vorschrift der Satzung der DFL nicht möglich, die Stimmmehrheit in Kapitalgesellschaften zu übernehmen. In § 8 Abs. 3 der DFL-Satzung heißt es:

Eine Kapitalgesellschaft kann nur eine Lizenz für die Lizenzligen und damit die Mitgliedschaft im DFL e.V. erwerben, wenn ein Verein mehrheitlich an ihr beteiligt ist, der über eine eigene Fußballabteilung verfügt, und der im Zeitpunkt, in dem sie sich erstmals für eine Lizenz bewirbt, sportlich für die Teilnahme an einer Lizenzliga qualifiziert ist. Der Verein („Mutterverein“) muss rechtlich unabhängig im Sinn des § 8 Nr. 2 sein. Der Mutterverein ist an der Gesellschaft mehrheitlich beteiligt („Kapitalgesellschaft“), wenn er über 50 % der Stimmenanteile zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmenanteils in der Versammlung der Anteilseigner verfügt. Bei der Kommanditgesellschaft auf Aktien muss der Mutterverein oder eine von ihm zu 100 % beherrschte Tochter die Stellung des Komplementärs haben.“


Welche Alternativen gibt es?

Ein auf Seiten der DFL etwaig bestehender Finanzierungsbedarf könnte durch eine Binnenfinanzierung, wie sie z.B. der SC Freiburg vorschlägt, aus den jetzigen Medienerlösen realisiert werden. Gleiches gilt für eine Fremdfinanzierung in Form eines klassischen Darlehens, das von Seiten vieler Verantwortlichen ebenso abgelehnt wird.

Es zeigt sich wie so oft in der jüngeren Vergangenheit, dass die Funktionäre wieder einmal auf scheinbar einfache, aber letztlich doch kurzsichtige Lösungen setzen. Die in weiten Teilen vorherrschende Urangst, dass die Bundesliga monetär abgehängt und so in der sportlichen Bedeutungslosigkeit verschwinden könnte, führt erneut dazu, dass weiter nur Symptome bekämpft werden, statt die eigentlichen Probleme nachhaltig an den Wurzeln zu packen. So sollten die Klubs unserer Überzeugung nach eher darauf hinwirken, dass der Wettbewerb im Inland (z. B. durch eine gerechtere Verteilung der TV-Erlöse) attraktiver gestaltet und der auf europäischer Ebene zunehmend ausufernde Fußballmarkt als Treiber vieler Fehlentwicklungen stärker reguliert wird (z. B. durch die Etablierung eines echten „Financial Fairplay“, der Unterbindung von „Multi-Club Ownership“-Strukturen oder der Einführung eines „Salary Cap“).